Das Innovator’s Dilemma der deutschen Automobilindustrie

Eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahrzehnte zum Thema Innovation heißt „The Innovator’s Dilemma“ und wurde vom Harvard-Professor Clayton Christensen geschrieben. Christensen beschreibt darin, wie so genannte Disruption funktioniert. Wenn ich richtig informiert bin, ist Christensen überhaupt der Erfinder des Wortes "Disruption“ in der Bedeutung, die heute weltweit Standard ist (https://amzn.to/34jhFs5)*.

Christensen erläutert in dem Buch den Umbruch in der amerikanischen Stahlindustrie vor mehr als hundert Jahren. Es gab im 19. Jahrhundert relativ wenige große Stahlkonzerne, die den Markt dominierten. Diese hatten große Werke und stellten alle Stahlsorten für alle Anwendungen her, die man kannte.

Irgendwann kam jemand und hat eine so genannte „Mini-Mill“ gebaut. Also ein kleines Stahlwerk, das nur eine kleine Nische bedienen konnte. Die Qualität war nicht so gut, aber der Stahl war billig. Die Großen haben gelacht: „Was will der? Das kann ja nichts werden! Der ist viel zu klein, die Qualität stimmt nicht, der hat dies nicht und jenes nicht. Wir müssen uns um den nicht kümmern. Der wird von alleine wieder verschwinden. Seine Produkte sind nicht relevant am Markt.“

Dann ist aber folgendes passiert: die kleinen Mini-Mills haben gelernt, ihre Qualität verbessert und sich durch ihre Flexibilität dem Markt angepasst. Die Kunden haben gekauft, weil die Qualität ausreichend gut war und der geringere Preis sich für sie gelohnt hat. Heute würde man sagen: die anderen Produkte waren „over-engineered“ und deshalb zu teuer. Die Kleinen konnten expandieren und haben irgendwann die Großen abgehängt durch ihre Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, besser zugeschnittene Produkte, Innovationen etc.

So, und was will ich Ihnen jetzt damit sagen? Ersetzen Sie im oben stehenden Text mal „großes Stahlwerk“ mit „traditioneller (deutscher oder amerikanischer) Automobilhersteller“ und „Mini-Mill“ mit „koreanischer oder chinesischer Automobilhersteller“. Ersetzen Sie „großes Stahlwerk“ mit „Hersteller von Autos mit Verbrennungsmotoren“ und „Mini-Mill“ mit „Hersteller von Elektroautos“. Und wenn Sie es noch deutlicher wollen, mit „chinesischer Hersteller von Batterie- und Brennstoffzellenfahrzeugen“.

Glauben Sie nicht? Glauben Sie an folgenden Dialog?

Direktor: „Mitarbeiter, meinen Sie, wir brauchen auch Digitalkameras?“

Abteilungsleiter: „Nein Chef, das wird nie kommen. Viel zu kompliziert. Das ist alles viel zu groß, zu schwer und zu teuer. Das wird maximal in wenigen Nischen relevant. Wir haben so gute Filme, da können wir noch viel optimieren. Wir haben mit unseren Kunden gesprochen: Der Markt verlangt bessere Filme. Niemand will eine Digitalkamera.“

Könnte es sein, dass ein solcher Dialog zum Beispiel bei Kodak geführt wurde? Und ja, den Jüngeren unter Ihnen müsste ich jetzt eigentlich erklären, wer Kodak war…schauen Sie aber einfach mal im Geschichtsbuch nach.

Oder bei Olympia? Hatten mal über 10k Mitarbeiter, die Schreibmaschinen gebaut haben. „Nein Chef, Computer im Büro werden nicht kommen. Zu Hause schon gar nicht. Viel zu kompliziert, zu teuer – braucht kein Mensch.“

Nun bin ich ja nicht so arrogant zu denken, dass morgen alle Autos elektrisch sind oder sogar mit Wasserstoff fahren. Das wird nicht kommen, weder morgen noch übermorgen.

Ich sage Ihnen aber folgendes: Vor kurzem war ich in Norwegen auf einer Veranstaltung zum Thema Wasserstoff für Nutzfahrzeuge. Es war ernüchternd, vor allem von den OEMs: Entweder sie waren erst gar nicht gekommen oder sie haben mehr oder weniger deutlich erklärt, warum das alles nicht geht. Hatten sie eine Alternative? Nein. Haben sie überhaupt Ambitionen, die CO2-Emissionen massiv zu senken? Intrinsisch nicht. Die EU-Regularien zwingen sie, nachzudenken. Der einzige, der (neben den in Europa vollkommen unbekannten chinesischen Herstellern) wirklich deutlich in die Richtung investiert, ist Hyundai.

Wir werden sehen, was in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren draus wird. Vielleicht versenkt Hyundai Milliarden und alle anderen freuen sich an jeder Jahreshauptversammlung ein Loch in den Bauch, wenn sie den Investoren Dividenden ausschütten können. Vielleicht aber auch nicht.

Klar ist, dass es Raum für Disruption gibt. Für einen Tesla des Nutzfahrzeugmarkts. Falls Sie also eine neue Herausforderung suchen, könnte das was sein für Sie. Wenger Engineering hilft Ihnen dann bei der ingenieurtechnischen Umsetzung. Auch, wenn Sie persönlich nicht so ambitioniert sind und es „nur“ als Angestellter einer Firma machen. 🙂

Gruß
David Wenger

PS1: Falls Sie das Buch noch nicht kennen, hier der Link zu Amazon (https://amzn.to/34jhFs5)*.

PS2: Wird Wasserstoff morgen kommen und alle überrollen? Nur mal als Beispiel: Die Firma Powercell aus Schweden hat rund 40 Mitarbeiter und macht knapp 6 Mill. Euro Umsatz. An der Börse sind sie 350 Mill. Euro wert, weil irgendwelche Spinner denken, dass sie morgen die Weltherrschaft an sich reißen. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin realistisch genug um zu wissen, dass Innovation und Disruption eher zwanzig Jahre brauchen als zwei. Und insofern haben auch die traditionellen Hersteller noch Zeit, sich zu positionieren. Schön wäre es für die Arbeitsplätze in unserem Land.

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