Neues aus dem Kuriositätenkabinett der Elektromobilität / Rückblick Hannovermesse

vor kurzem titelte die „Süddeutsche“: „Die Brennstoffzelle ist ein Milliardengrab für Autohersteller.“ Nicht als Frage formuliert, sondern als Aussage. Zitiert wurden in dem Artikel die Entwicklungschefs von Daimler, Audi und BMW. Gute Quellen, müsste man meinen. Die wissen ja, was die Zukunft bringt.

Ich habe mich über den Artikel geärgert, da er vom Kern her dumm ist. Natürlich stimmt eine Aussage: die Investitionen in Batteriefabriken & Co übersteigen die Investitionen in Wasserstoff-Technik deutlich. Ja. Richtig. Aber ist der Rest deshalb ein „Milliardengrab“?
Lassen Sie uns mit der Logik anfangen: Damit etwas ein „Milliardengrab“ sein kann, muss man vorher mehr als eine Milliarde investiert haben und es dann komplett abschreiben. Soweit so logisch, oder?
Hat BMW bisher mehr als eine Milliarde in das Thema investiert? Auf keinen Fall. Ich kenne natürlich die internen Zahlen nicht, aber eine Milliarde war das im Leben nicht.

Hat Audi bisher mehr als eine Milliarde in das Thema investiert? Auf keinen Fall. Der Volkswagen-Konzern hat sicher einiges gemacht, das ist keine Frage. Aber eine Milliarde ist echt viel.
Bei Daimler sieht es sicher anders aus. Daimler hat über 20 Jahre lang intensiv an dem Thema gearbeitet und garantiert massive Summen investiert. Dass man in Stuttgart jetzt eher zurückrudert ist für mich unverständlich. Ich kenne natürlich die Vorgaben des Aufsichtsrats an den Vorstand nicht und kann deshalb nur meine Sichtweise haben.

Toyota sagt: „Wir wissen, dass es noch weitere 20 Jahre dauern wird, bis wir die ganz großen Stückzahlen erreichen. Das war beim Prius nicht anders. Aber wir gehen den Weg, denn wir wollen auch in 20 Jahren noch ganz vorne sein.“

Vorletzte Woche habe ich auf der Hannovermesse einen australischen Projektpartner getroffen und ihn mit dem „Milliardengrab“-Thema konfrontiert. Er ist fast vom Stuhl gefallen: „Bei uns herrscht Goldgräberstimmung. In China sind riesige Ausschreibungen für Fahrzeuge aller Art draußen. Wir bauen gerade mehrere Fabriken dafür auf. So gut wie heute sah es noch nie aus!“

So plausibel es klingen mag, die Entwicklungsleiter der drei großen Premiumhersteller zu zitieren: Können Sie sich noch an die Entwicklungsleiter von Nokia, Sony-Ericsson und Palm erinnern? Niemand kann das. Die haben ähnliche Interviews gegeben vor etwa 15 Jahren über das Potential von Smartphones, Apps und Touchscreens. Mittlerweile leben sie auf St. Helena in der Verbannung. (So stelle ich es mir zumindest vor. 😉 ).

Das Stichwort heißt „Disruption“. Wir besitzen etwa sieben Mal mehr Autos pro 1000 Einwohner als die Chinesen. Deren Luftverschmutzung beträgt dort jedoch an vielen Tagen locker das Zehnfache des Maximalwertes in Stuttgart (wo bei uns ja alle die Krise kriegen). Außerdem gibt es dort viele Großstädte, wo die Menschen in Wohnblocks leben und keinen eigenen Parkplatz mit Ladesäule haben können. Dass da ganz andere Mobilitätslösungen gefordert werden in fünf, zehn oder zwanzig Jahren, liegt auf der Hand. Offenbar ist das bei der „Süddeutschen“ aber noch nicht angekommen. Vielleicht denken die ja, dass jenseits des Mains die Goten leben und mit Speer und Keule auf die Jagd gehen. „Ein Land namens China? Nie gehört. Liegt nicht an der A8.“

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel: Die Firma Nikola Motor aus den USA entwickelt Langstrecken-LKW mit Brennstoffzellenantrieb (https://nikolamotor.com/). Am letzten Donnerstag haben sie einen Auftrag von Anheuser-Busch bekommen über 800 LKW. Wert: 720 Millionen Dollar. Insgesamt haben sie einen Auftragsbestand im Wert von 8 Milliarden Dollar. Für Wasserstoff-LKW! ACHT MILLIARDEN! Und nein, sie müssen nicht acht Milliarden bezahlen. Das wäre ein „Milliardengrab“. Sie bekommen acht Milliarden, wenn sie die LKW ausliefern. Warum wollen die europäischen Truck-Hersteller diese acht Milliarden nicht verdienen? Man will hierzulande offenbar lieber „Tesla-Jäger“ bauen als „der Tesla unter den Elektroautos“ zu sein.

Der Antrieb für die LKW wird übrigens von einem kleinen schwäbischen Familienunternehmen geliefert. Ich glaube, die heißen „Bosch“ oder so ähnlich. Muss man nicht kennen, spielen in der Automobilwelt keine so große Rolle. Vermutlich machen sie es auch aus reiner Menschenliebe und ehrenamtlich. Oder Moment…vielleicht ist es doch ein Business? Vielleicht kann man Geld verdienen mit dem Liefern der Antriebseinheiten für tausende LKW. Ich weiß es nicht. Aber ich finde es bemerkenswert, dass eine Firma Aufträge für 8 Milliarden Dollar hat und diejenigen, die das Know-How über Jahrzehnte aufgebaut haben sagen „Das wird nichts.“
Lange Rede kurzer Sinn: Auf der Hannovermesse habe ich vier Videos für unseren Youtube-Kanal gedreht:

1. Meine drei Messehighlights: LINK
2. Ich habe endlich meine erste Probefahrt mit dem neuen Brennstoffzellenfahrzeug von Hyundai machen können. Hier kommen meine Eindrücke: LINK (die haben einige Dinge umgesetzt, die echt cool sind…)
3. Ein Interview mit Craig Knight, Mitgründer von Horizon Fuel Cells aus Australien, über den Goldrausch in China: LINK
4. Ein Interview mit Jacob Krogsgaard von NEL. Er hat gerade die 100.000km auf seinem Toyota Mirai „vollgemacht“. Das ist megaviel. Dazu haben wir uns unterhalten und er hat mir von seiner Erfahrung berichtet: LINK.
Mit diesen Videos eröffne ich auch ganz offiziell meine Zweitkarriere als Youtuber.  Habe gerade geschaut: Bibi von Bibis Beauty Palace hat vor einer Woche ein Video veröffentlicht mit dem Titel „Blind in XXL Süßigkeiten-Shop einkaufen“. Dieses haben fast 900.000 Menschen angeschaut. Ich bin gespannt, ob ich das mit meinen Videos über die Hannovermesse auch schaffe… ;-)))
Schauen Sie mal rein: LINK. Und nein, falls das nichts wird mit der Zweitkarriere, geht meine Welt nicht unter. Hauptsache gesund. 

In diesem Sinne: schöne Woche noch. 
Gruß
David Wenger

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